Donnerstag, den 17. März 2011 um 17:53 Uhr
Fukushima 2011
By Arno Heipel
Fukushima 2011
März 2011 – vor 25 Jahren war die Reaktorkatastrophe im Tschernobyl – Zeit zum Nachdenken, Erinnerungen kommen hoch, welche Lebensmittel darf ich essen, können die Kinder nach draußen zum Spielen,… Lang, lang ist es her. Gerade erst ist beschlossen worden unsere Kernkraftwerke 14 Jahre länger laufen zu lassen, als wäre nichts geschehen. Es waren damals ja schließlich russische Kernkraftwerke und außerdem waren die Bedienungsmannschaften Schuld an dem Unfall – beides kann bei uns nicht passieren, schließlich haben wir die sichersten Kernkraftwerke der Welt.
An diesem Wochenende dann die Nachrichten aus Fukushima…
Ohnmächtig müssen wir erleben, wie Naturgewalten auf der anderen Seite des Globus ein Land in biblischem Ausmaß heimsuchen – erst ein Erdbeben in einer Heftigkeit, die selbst im mit Erdbeben vertrauten Japan bisher unbekannt war, dann der Tsunami.
Die Bilder, die uns aus Japan erreichen, eine 10 Meter hohe Welle, die alles mitreißt, was auf ihrem Weg liegt, Autos, Schiffe, Trümmerteile, Menschen…, lösen Entsetzen und Ohnmacht aus, sie sprengen unser Vorstellungsvermögen. Sie erteilen uns eine brutale Lektion darüber, welchen Platz wir Menschen in dieser Welt haben.
Der Slogan eines japanischen Autokonzerns „nichts ist unmöglich“ war jahrelang Synonym des Vertrauens in westliche Technik. Und Japan war dabei mustergültig. Japan ist ein führender Autoproduzent, Japan baut die schnellsten Eisenbahnzüge. Japaner haben zwischen den Inseln Hokkaido und Honshu einen 54 km langen Eisenbahntunnel gebaut und Japan ist einer der größten Wirtschaftsmärkte der Erde.
Japan setzt voll auf Atomkraft. Im Bewusstsein um das Erdbebenrisiko wurde versucht, die Kraftwerke an sich erdbebensicher zu bauen – japanische Techniker gelten weltweit als Experten, wenn es um erdbebensicheres Bauen geht.
Jetzt aber erleben wir, dass in Japan nach Einschätzung von Experten mehrere gefährdete Reaktoren des japanischen Atomkraftwerks Fukushima 1 fast nur noch sich selbst überlassen werden können. Der GAU, die Kernschmelze, der eigentlich undenkbare größte anzunehmende Unfall hat wahrscheinlich in mehreren Reaktorblöcken schon stattgefunden. Verzweifelt versuchen Techniker die Reaktoren zu kühlen. Zum Teil werden die Reaktoren mit MOX-Brennelementen betrieben, das heißt, diese Brennelemente enthalten Plutonium. In der Umgebung ist die Radioaktivität besorgniserregend angestiegen. Der Wind ist derzeit günstig, er weht in Richtung Pazifik, in einer benachbarten Provinz wurde erhöhte Radioaktivität gemessen. Tokio liegt 250 km südlich. In der Stadt leben 8,5 Millionen Menschen im Großraum Tokio 34,4 Millionen, in ganz Japan leben 120 Millionen Menschen. Eine Evakuierung der Stadt ist unmöglich.
Mittlerweile wurden mehr 200.000 Menschen im Umkreis des Atomkraftwerkes Fukushima evakuiert.
Was sollen wir als Grüne dazu sagen?
Wir sind über die Bilder entsetzt, die uns erreichen. Die Auswirkungen, die diese Katastrophe auf die Menschen in Japan hat vermag kein Mensch zu beurteilen. Der Verstand weigert sich, daran zu denken. Man mag die Einzelheiten in den Nachrichten gar nicht mehr verfolgen, eine Schreckensnachricht jagt die nächste.
Wir Grüne waren die ersten, die als Partei vor den Gefahren der Atomkraft gewarnt haben und wir haben in den vergangenen 30 Jahren nie damit aufgehört, den Ausstieg aus der Kernenergie zu fordern. Der Atomkonsens von 2001, der von der ersten rot-grünen Regierung auf den Weg gebracht worden ist, hat viele von uns enttäuscht, wir hätten uns gewünscht, dass wir schneller aussteigen. Der Atomkonsens damals sah vor, dass das letzte AKW 2020 vom Netz geht.
In 2010 hat die schwarz-gelbe Koalition die Laufzeit um weitere 15 Jahre verlängert, das heißt, wir leben weitere 15 Jahre mit dem Risiko und wir produzieren weitere 15 Jahre Atommüll, von dem immer noch niemand weiß, wie und vor allem wo er gelagert werden soll. In der Energiewirtschaft und ihr nahe stehenden Politikern spuken immer noch Hoffnungen auf eine Renaissance der Kernkraft.
Wie reagiert die Bundesregierung?
Man ist betroffen, aber bei uns kann so etwas nicht passieren. Wir haben die sichersten Kernkraftwerke der Welt. Trotzdem überprüfen wir noch einmal unsere Kernkraftwerke. Und wir in der Bundesrepublik sind nicht gefährdet – die Katastrophe hat schließlich auf der anderen Seite des Globus stattgefunden und bis eine radioaktive Wolke bei uns ankommt ist sie stark verdünnt – will sagen, auf dem möglichen Weg zu uns hat sie sich auf die Köpfe anderer Menschen abgeregnet. Als eine Art vertrauensbildende Maßnahme werden die ältesten Meiler erstmal für drei Monate abgeschaltet, nicht etwa stillgelegt (zufälligerweise finden in dieser zeit Landtagswahlen statt) -- Publizistische Schadensbegrenzung allenthalben. Wer eine neue Diskussion über Kernkraft in den anstehenden Wahlkämpfen anzetteln will, wie die Opposition, versucht aus dem Leid, das über die Menschen in Japan gekommen ist, politisches Kapital zu schlagen.
Was bedeutet das für uns Grüne?
Nach Tschernobyl ist die Atomkatastrophe in Fukushima für uns ein weiteres Signal der Natur, aus der Kernkraft auszusteigen, und zwar eher gestern als morgen. Die Mär von den sichersten Kernkraftwerken der Welt wird nicht dadurch richtiger, dass sie gebetsmühlenartig wiederholt wird. Es mag sein, dass unsere Atommeiler kein Erdbeben der Stärke 9 zu ertragen haben, dennoch sind bei uns eine ganze Reihe von Meilern nicht gegen eine Kernschmelze gerüstet. Dies ist seit Jahren bekannt. Wie viele Katastrophen wollen wir noch in Kauf nehmen, bis das letzte AKW abgeschaltet wird? Und auch dann haben wir noch genug damit zu tun, einen Weg zu finden den Atommüll, den die Menschen in den letzten 60 Jahren produziert haben für einen Zeitraum von bis zu 1.000.000 Jahren sicher zu lagern. In dieser Zeit haben wir 250.000 Mal den Bundestag gewählt, 125.000 BundeskanzlerInnen werden sich mit dem Problem befasst haben
Der Ausstieg aus der Atomkraft, und zwar so schnell wie möglich, sollte nach den Nachrichten aus Japan die wir bis jetzt bekommen haben und die uns wohl noch erreichen werden, Konsens unter allen Menschen sein, die diese Meldungen verfolgen.
Egal ob im Augenblick gerade Wahlkampf ist oder nicht, wir rufen jeden Menschen, der die Bilder und das Leid der Menschen in Japan verfolgt, dazu auf, alles dafür zu tun, dass die Tage der Atomtechnologie gezählt sind.
März 2011 – vor 25 Jahren war die Reaktorkatastrophe im Tschernobyl – Zeit zum Nachdenken, Erinnerungen kommen hoch, welche Lebensmittel darf ich essen, können die Kinder nach draußen zum Spielen,… Lang, lang ist es her. Gerade erst ist beschlossen worden unsere Kernkraftwerke 14 Jahre länger laufen zu lassen, als wäre nichts geschehen. Es waren damals ja schließlich russische Kernkraftwerke und außerdem waren die Bedienungsmannschaften Schuld an dem Unfall – beides kann bei uns nicht passieren, schließlich haben wir die sichersten Kernkraftwerke der Welt.
An diesem Wochenende dann die Nachrichten aus Fukushima…
Ohnmächtig müssen wir erleben, wie Naturgewalten auf der anderen Seite des Globus ein Land in biblischem Ausmaß heimsuchen – erst ein Erdbeben in einer Heftigkeit, die selbst im mit Erdbeben vertrauten Japan bisher unbekannt war, dann der Tsunami.
Die Bilder, die uns aus Japan erreichen, eine 10 Meter hohe Welle, die alles mitreißt, was auf ihrem Weg liegt, Autos, Schiffe, Trümmerteile, Menschen…, lösen Entsetzen und Ohnmacht aus, sie sprengen unser Vorstellungsvermögen. Sie erteilen uns eine brutale Lektion darüber, welchen Platz wir Menschen in dieser Welt haben.
Der Slogan eines japanischen Autokonzerns „nichts ist unmöglich“ war jahrelang Synonym des Vertrauens in westliche Technik. Und Japan war dabei mustergültig. Japan ist ein führender Autoproduzent, Japan baut die schnellsten Eisenbahnzüge. Japaner haben zwischen den Inseln Hokkaido und Honshu einen 54 km langen Eisenbahntunnel gebaut und Japan ist einer der größten Wirtschaftsmärkte der Erde.
Japan setzt voll auf Atomkraft. Im Bewusstsein um das Erdbebenrisiko wurde versucht, die Kraftwerke an sich erdbebensicher zu bauen – japanische Techniker gelten weltweit als Experten, wenn es um erdbebensicheres Bauen geht.
Jetzt aber erleben wir, dass in Japan nach Einschätzung von Experten mehrere gefährdete Reaktoren des japanischen Atomkraftwerks Fukushima 1 fast nur noch sich selbst überlassen werden können. Der GAU, die Kernschmelze, der eigentlich undenkbare größte anzunehmende Unfall hat wahrscheinlich in mehreren Reaktorblöcken schon stattgefunden. Verzweifelt versuchen Techniker die Reaktoren zu kühlen. Zum Teil werden die Reaktoren mit MOX-Brennelementen betrieben, das heißt, diese Brennelemente enthalten Plutonium. In der Umgebung ist die Radioaktivität besorgniserregend angestiegen. Der Wind ist derzeit günstig, er weht in Richtung Pazifik, in einer benachbarten Provinz wurde erhöhte Radioaktivität gemessen. Tokio liegt 250 km südlich. In der Stadt leben 8,5 Millionen Menschen im Großraum Tokio 34,4 Millionen, in ganz Japan leben 120 Millionen Menschen. Eine Evakuierung der Stadt ist unmöglich.
Mittlerweile wurden mehr 200.000 Menschen im Umkreis des Atomkraftwerkes Fukushima evakuiert.
Was sollen wir als Grüne dazu sagen?
Wir sind über die Bilder entsetzt, die uns erreichen. Die Auswirkungen, die diese Katastrophe auf die Menschen in Japan hat vermag kein Mensch zu beurteilen. Der Verstand weigert sich, daran zu denken. Man mag die Einzelheiten in den Nachrichten gar nicht mehr verfolgen, eine Schreckensnachricht jagt die nächste.
Wir Grüne waren die ersten, die als Partei vor den Gefahren der Atomkraft gewarnt haben und wir haben in den vergangenen 30 Jahren nie damit aufgehört, den Ausstieg aus der Kernenergie zu fordern. Der Atomkonsens von 2001, der von der ersten rot-grünen Regierung auf den Weg gebracht worden ist, hat viele von uns enttäuscht, wir hätten uns gewünscht, dass wir schneller aussteigen. Der Atomkonsens damals sah vor, dass das letzte AKW 2020 vom Netz geht.
In 2010 hat die schwarz-gelbe Koalition die Laufzeit um weitere 15 Jahre verlängert, das heißt, wir leben weitere 15 Jahre mit dem Risiko und wir produzieren weitere 15 Jahre Atommüll, von dem immer noch niemand weiß, wie und vor allem wo er gelagert werden soll. In der Energiewirtschaft und ihr nahe stehenden Politikern spuken immer noch Hoffnungen auf eine Renaissance der Kernkraft.
Wie reagiert die Bundesregierung?
Man ist betroffen, aber bei uns kann so etwas nicht passieren. Wir haben die sichersten Kernkraftwerke der Welt. Trotzdem überprüfen wir noch einmal unsere Kernkraftwerke. Und wir in der Bundesrepublik sind nicht gefährdet – die Katastrophe hat schließlich auf der anderen Seite des Globus stattgefunden und bis eine radioaktive Wolke bei uns ankommt ist sie stark verdünnt – will sagen, auf dem möglichen Weg zu uns hat sie sich auf die Köpfe anderer Menschen abgeregnet. Als eine Art vertrauensbildende Maßnahme werden die ältesten Meiler erstmal für drei Monate abgeschaltet, nicht etwa stillgelegt (zufälligerweise finden in dieser zeit Landtagswahlen statt) -- Publizistische Schadensbegrenzung allenthalben. Wer eine neue Diskussion über Kernkraft in den anstehenden Wahlkämpfen anzetteln will, wie die Opposition, versucht aus dem Leid, das über die Menschen in Japan gekommen ist, politisches Kapital zu schlagen.
Was bedeutet das für uns Grüne?
Nach Tschernobyl ist die Atomkatastrophe in Fukushima für uns ein weiteres Signal der Natur, aus der Kernkraft auszusteigen, und zwar eher gestern als morgen. Die Mär von den sichersten Kernkraftwerken der Welt wird nicht dadurch richtiger, dass sie gebetsmühlenartig wiederholt wird. Es mag sein, dass unsere Atommeiler kein Erdbeben der Stärke 9 zu ertragen haben, dennoch sind bei uns eine ganze Reihe von Meilern nicht gegen eine Kernschmelze gerüstet. Dies ist seit Jahren bekannt. Wie viele Katastrophen wollen wir noch in Kauf nehmen, bis das letzte AKW abgeschaltet wird? Und auch dann haben wir noch genug damit zu tun, einen Weg zu finden den Atommüll, den die Menschen in den letzten 60 Jahren produziert haben für einen Zeitraum von bis zu 1.000.000 Jahren sicher zu lagern. In dieser Zeit haben wir 250.000 Mal den Bundestag gewählt, 125.000 BundeskanzlerInnen werden sich mit dem Problem befasst haben
Der Ausstieg aus der Atomkraft, und zwar so schnell wie möglich, sollte nach den Nachrichten aus Japan die wir bis jetzt bekommen haben und die uns wohl noch erreichen werden, Konsens unter allen Menschen sein, die diese Meldungen verfolgen.
Egal ob im Augenblick gerade Wahlkampf ist oder nicht, wir rufen jeden Menschen, der die Bilder und das Leid der Menschen in Japan verfolgt, dazu auf, alles dafür zu tun, dass die Tage der Atomtechnologie gezählt sind.
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